„Ich wollte nicht so jung wie mein Bruder sterben“ – RNZ-Artikel vom 28.07.2018

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„Ich wollte nicht so jung wie mein Bruder sterben“
Volker Hoffmann hat nach einer Alkoholkrankheit den Sprung in ein bürgerliches Leben geschafft – Der Verein „Obdach“ half ihm

Heute hat der 53 Jahre alte Volker Hoffmann ein Dach über dem Kopf, Arbeit und eine Partnerin. Er führt ein normales Leben. Aber das war nicht immer so. Vor 16 Jahren stand er vor dem Verlust seiner damaligen Wohnung – und damit vor der Obdachlosigkeit. Dann gab er seinem Leben eine Wende. Hilfe erhielt er vom Verein „Obdach“ – und er hat es geschafft, diese auch anzunehmen.
Hoffmann ist ein Heidelberger „Urgestein“: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen.“ Nach dem Besuch der Schule war er arbeitslos und hat dann ein Jahr lang eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Maler durchlaufen. Danach fand er Beschäftigung bei der Stadtreinigung der Stadt und war vor allem bei der Müllabfuhr beschäftigt.
Er sagt: „Ich war zufrieden.“ Alles wäre gut gegangen, wenn er nicht private Probleme gehabt hätte. Seine Frau und er führten keine glückliche Ehe. „Das hat mich umgehauen, ich habe angefangen, Alkohol zu trinken.“ Nach sieben Jahren kam es zur Scheidung. „Aber ich habe weiter getrunken.“ Er griff vor allem zu Schnaps und Whisky, Bier war nur „Luxus“.
Nach 15 Jahren verlor er seinen Arbeitsplatz. Er war zwar pünktlich und zuverlässig, aber er kam betrunken zur Arbeit – es bestand die Gefahr, dass es zu Unfällen in Folge der Trunkenheit hätte kommen können. Es gab einen Aufhebungsvertrag. „Das war schön blöd.“ Es half alles nichts, Hoffmann war weiterhin der Alkoholabhängigkeit ausgeliefert. Er trank und trank. Dann kam der Schock: Sein Bruder war ebenfalls alkoholabhängig und erkrankte mit 45 Jahren schwer. „Ich habe ihn besucht – so jung wollte ich nicht auch krank werden und sterben.“
Hoffmann nahm seinen Mut zusammen und bat seinen Hausarzt um eine Überweisung in das Psychiatrische Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch. Noch bevor er das PZN betrat, hatte er erneut Alkohol getrunken. Dann bewältigte er dort die körperliche Entgiftung vom Alkohol mit Hilfe der Ärzte. Er sagt nur: „Es waren zehn Tage. Das war nicht einfach.“ Während seines Aufenthalts erhielt ein PZN-Patient Besuch von Sozialarbeiterin Susanne Schulz vom Verein „Obdach“. So lernte auch Hoffmann die patente Frau kennen.
Das war die Wende: Seine Wohnung war Hoffmann aufgrund von Mietschulden gekündigt worden. Nach der Entlassung aus dem PZN wandte er sich also sofort an „Obdach“ und bekam eine Wohnung des Vereins.
Volker Hoffmanns Bruder starb kurz darauf. Hoffmann selbst begann ab 2006 ein neues Leben. Mit der Hilfe von Schulz meldete er Privatinsolvenz an. Mehr als sieben Jahre lang verwaltete der Verein sein Konto, Hoffmann durfte keine neuen Schulden machen. Heute ist das Insolvenzverfahren mit einer Restschuldbefreiung abgeschlossen, und Hoffmann hat nach mehreren Job-Wechseln eine Arbeit im Reinigungsgewerbe gefunden.
Vor zwei Jahren entdeckte er einen Aushang mit dem Angebot einer Wohnung und bewarb sich. Die Vermieterin zog bei „Obdach“ mit seiner Zustimmung Erkundigungen ein und kam zu dem Schluss: „Ich möchte einem solchen Menschen eine Chance geben.“
Hoffmann hatte nie einen Rückfall. „Ich kann in einer Gaststätte sein, in der andere Menschen Alkohol trinken – und ich trinke meine Cola.“ Heute verwaltet er sein Geld wieder selbst, in seiner Freizeit fährt er gerne Fahrrad, seine kranke Leber hat sich regeneriert. Für die Zukunft wünscht er sich: „Es soll so weitergehen.“

Heidelberger Nachrichten vom Samstag, 28. Juli 2018