Nachruf auf Professor Holger Haag

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Holger Haag zum Gedenken

1938 – 2014

Als Holger Haag in seinem Freundeskreis berichtete, dass er sich um einen Obdachlosen kümmere, der im Park des Handschuhsheimer Schlösschens, in nächster Nachbarschaft seines Hauses, kampierte und dass er mit ihm spannende Gespräche führe, wusste er nicht, dass er damit in den Fokus von Frau von Dallwitz-Wegner geriet. Zielstrebig überzeugte sie ihn, für den Vorsitz beim Verein „Betreute Wohngruppen für alleinstehende Menschen e.V.“ zu kandidieren, der zu dieser Zeit in große Schwierigkeiten geraten war.

Prof.Haag Interview Markt der Möglichkeiten 2004Über andere Wege warb sie Albertus Bujard an, sich um einen Vorstandsposten des Vereins zu bewerben. So ergab es sich, dass Holger Haag und ich viele gemeinsame Stunden damit verbrachten, den Verein, seine damals und davor handelnden Vorstände sowie die Aufgaben kennen zu lernen, die auf uns warteten. Schnell wurde uns klar: Was auf uns zukommt wird kein Zuckerschlecken – aber klar war uns auch: Nur wenn wir es zusammen anpacken, wollen wir es wagen. Und so kam, was kommen musste: Im März 2002 wurden Holger Haag zum Vorsitzenden und ich zum Schatzmeister des Vereins gekürt.

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Dank Holger Haags offener, lockerer und menschenfreundlicher Art wuchs aus alten und neuen Vorständen schnell ein tolles Team zusammen, das die anstehenden Aufgaben engagiert und freudig anpackte. Und weil Holger Haag das Leben genießen konnte, gerieten die Vorstands­sitzungen zu zwar arbeitsintensiven aber auch fröhlichen Ereignissen. Mit seiner gewinnenden Art wurde er schnell zum Sympathieträger für den Verein bei der Stadt- und Justizverwaltung, bei Unternehmen und in der Öffentlichkeit. Aus der Zeit seiner Vorstandsjahre seien die Ereignisse erwähnt, die in Erinnerung bleiben oder bis heute nachwirken:

  • „Helfen mit Genuss“ hieß das Benefiz-Dinner zur Feier des 15-jährigen Bestehens des Vereins im Spiegelsaal des Prinz Carl. Helfen sollte freudig genossen werden: Das 3-Gang-Menü im Wert des damaligen Tagessatzes eines Sozialhilfeempfängers (9,80 €) verbunden mit buntem Rahmenprogramm kostete 60 € für Einzelpersonen und 100 € für Paare. Das Fest war eine wirkungsvolle Werbung für die Arbeit des Vereins und erbrach­te eine kräftige finanzielle Unterstützung unserer Arbeit.
  • Ein Ideenwettbewerb bei Mitgliedern, Freunden, Sozialarbeitern und Betreuten sollte einen neuen, aussagekräftigen Namen für den Verein finden. „OBDACH e.V.“ machte das Rennen – ein Name, der sich schnell etablierte und zum Markenzeichen wurde.
  • „Aktion 1+1“: jedes Mitglied wirbt ein neues Mitglied. Die Mitgliederzahl stieg um 1/3.

Die Jahre mit Holger Haag prägten den notwendigen Neubeginn, der sicherstellen sollte, eine verpflichtenden Idee auch künftighin umzusetzen: Obdachlosen nicht nur auf der Straße helfen – Obdachlose von der Straße holen – ihnen Obdach geben. Seine drei Vorstandsjahre wurden im Jahresbericht 2004 so beschrieben:

„Es hat sich ein starkes „WIR-Gefühl“ entwickelt, wodurch Teamgeist und gemeinsames Verantwortungsbewusstsein bei allen Mitarbeitern gestärkt wurden. Die Kontakte untereinander sowie zwischen den Betreuten und den im Verein Tätigen haben „familiärere“ Züge angenom­men: Es wird mehr miteinander geredet, und es herrscht eine vertrauensvolle Stimmung – gute Voraussetzungen, die individuellen Betreuungsziele zu erreichen.“

Private Gründe ließen eine nochmalige Kandidatur für den Vorsitz nicht mehr zu. Im Mai 2005 schied Holger Haag aus dem Vorstand aus. Er blieb dem Verein aber stets treu verbunden. Er engagierte sich im Beirat von OBDACH e.V. und nahm an zahlreichen Veranstaltungen des Vereins teil.

In großer Dankbarkeit gedenkt OBDACH e.V. seines ehemaligen Vorsitzenden, der in schwerer Zeit Verantwortung übernahm.
Heidelberg im November 2014

Albertus L. Bujard