Frauenarbeit im Kontext von Wohnungsnot: Ein Einblick in die Arbeit von OBDACH e.V.

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Besondere Herausforderungen in der Arbeit mit wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen
Die Arbeit mit Frauen in der Obdachlosenhilfe bringt spezifische Herausforderungen mit sich, die über die allgemeinen Problemlagen hinausgehen. Viele dieser Frauen haben neben der Wohnungslosigkeit weitere Belastungen zu tragen: psychische Erkrankungen, Gewalterfahrungen, Suchtmittelabhängigkeit oder das Leben mit chronischen Erkrankungen. Oft bestehen Dual- oder sogar Trippelproblematiken, die sich wechselseitig verstärken. Frauen in Wohnungslosigkeit leben häufig verdeckt – in instabilen Wohnverhältnissen, in Abhängigkeitsbeziehungen, oder unter prekären Umständen. Diese Lebensrealitäten erschweren nicht nur die Erreichbarkeit der Betroffenen, sondern bedingen auch einen erhöhten Sensibilisierungs- und Vertrauensbedarf in der Betreuung.
Zudem ist bei wohnungslosen Frauen die Gefahr von sexualisierter Gewalt und Ausbeutung besonders hoch. Die Angst, wieder Gewalt zu erleben, führt bei vielen Klientinnen zu Rückzugsverhalten, Unsicherheit im Kontakt und einem besonderen Bedürfnis nach Frauenräumen, in denen sie sich sicher fühlen können.

Erfahrungen aus der Frauen-WG: Möglichkeiten und Grenzen
Die Frauen-WG von OBDACH e.V. war 2025 ein zentrales Projekt in der Arbeit mit Frauen. Insgesamt wurden dort in unterschiedlichen Konstellationen fünf Frauen begleitet – alle in unterschiedlichen Graden psychisch schwer belastet, suchtkrank und/oder gewalterfahren. Die Arbeit mit diesen Klientinnen hat gezeigt, dass die Notwendigkeit einer geschützten Wohnform hoch ist.
Gleichzeitig wurden die strukturellen Grenzen sichtbar: OBDACH e.V. arbeitet ambulant – somit kann ein rund-um-die-Uhr-Schutz, wie er in vollstationären Einrichtungen möglich wäre, nicht gewährleistet werden. Auch der Betreuungsschlüssel war durchgehend angespannt – ein Missverhältnis, das besonders bei komplexen Problemlagen herausfordernd ist.
Die Wohnung der Frauen-WG befand sich in einem sozialen Brennpunkt mit entsprechender Umgebungsproblematik. Ursprünglich war Oktober 2025 ein Umzug in ein ruhigeres Umfeld geplant, der jedoch aufgrund unerwarteter Wasserschäden in anderen Wohnungen von OBDACH e.V. nicht wie vorgesehen umgesetzt werden konnte. Notumzüge mussten organisiert und begleitet werden, was zusätzliche Belastungen für Klientinnen und Fachpersonal bedeutete.
Trotz dieser Widrigkeiten konnte das Projekt wichtige Impulse setzen. Es zeigte sich, dass stabile, wenn auch begrenzte Wohnverhältnisse in Kombination mit verlässlicher, zugewandter ambulanter Betreuung viel bewegen können – etwa in Bezug auf das Ankommen in einem sicheren Umfeld, das Entwickeln einer Tagesstruktur, oder das Aufzeigen weiterführender Hilfsangebote.
Mit dem Wissen darum, dass es Einrichtungen wie OBDACH e.V. gibt, deren Schwerpunkt nicht primär auf der Bearbeitung erlebter Gewalt liegt, sondern auf der Bereitstellung von Unterkunft, Stabilität und verlässlicher Begleitung, wird eine zentrale Schutzlücke geschlossen.
Gerade für wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen bedeutet eine gesicherte Unterkunft auch Schutz vor struktureller Gewalt. Das Risiko, aus Not heraus in Abhängigkeitsverhältnisse zu geraten – etwa Unterkunft gegen sexuelle Gefälligkeiten, Ausbeutung oder das Verbleiben in gewaltvollen Beziehungen – wird deutlich reduziert.
OBDACH e.V. wirkt damit präventiv gegen Gewalt, ohne selbst als spezialisierte Gewaltschutzeinrichtung aufzutreten. Durch das Angebot von Wohnraum, Orientierung, Begleitung und sozialpädagogischer Unterstützung entsteht ein Schutzrahmen, der Frauen Handlungsspielräume zurückgibt und alternative Wege eröffnet. Diese Form von indirektem Gewaltschutz ist besonders für Frauen wichtig, die (noch) keine klassischen Gewalthilfeangebote in Anspruch nehmen können oder wollen, deren Lebenslage aber dennoch hochgradig gefährdet ist.
Damit schließt OBDACH e.V. eine Lücke zwischen klassischer Wohnungslosenhilfe und spezialisierter Gewalthilfe – und leistet einen wichtigen Beitrag zur Prävention, Stabilisierung und langfristigen Sicherung von Würde und Selbstbestimmung.

Ausblick
Die Erfahrungen aus 2025 unterstreichen die Notwendigkeit, die frauenspezifische Perspektive in der Wohnungslosenhilfe weiter zu stärken. Der Bedarf an frauengerechten Wohnräumen, differenzierter Betreuung und niedrigschwelliger Hilfeangebote ist weiterhin hoch. Gleichzeitig braucht es langfristig bessere strukturelle Voraussetzungen – personell, finanziell und wohnraumpolitisch –, um der besonderen Lebenslage wohnungsloser Frauen gerecht werden zu können.

W. Batliner