Bücher als Menschenrecht – Die Heidelberger Stadtbücherei

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Als Amerikaner muss ich oft einfach bewundern, wie viele und diverse Sozialdienste es in Deutschland gibt. Der Staat kümmert sich aufwändig und sorgfältig darum, jedem einzelnen zu helfen und man bekommt leicht das Gefühl, als BürgerInnen gut versorgt zu sein. Doch ergeben sich ab und zu Sachen, die mir als Ausländer auffallen, die verbessert werden könnten. Ich befasse mich in diesem Artikel mit einer von diesen Sachen: dem Umgang mit der Heidelberger Stadtbücherei.

Als ich mich in Heidelberg anmeldete, machte ich fast gleich, was ich als Buchliebhaber immer in einer neuen Stadt mache: Ich erkundigte mich nach der Bibliothek der Stadt. Beim Erwerb des Ausweises war ich aber überrascht, dass der Ausweis eine Gebühr von 18 Euro pro Jahr trägt. Ich war davon ausgegangen, er wäre kostenlos , wie in vielen von mir bewohnten US Städten. Nach mehr recherchieren stieg nur meine Verwunderung . Fast alles, was man in der Stadtbücherei machen wollen würde, hat so eine Gebühr. Ein paar Beispiele: Die Ausleihe von eine Wochen lang befristen DVDs kostet ein Euro. Bestseller verlangen zwei Euro. Sogar für Vormerkungen und die Erlaubnis des Internetbenutzens, wird eine Gebühr erhoben.

Sie meinen an dieser Stelle vielleicht: Was sei eigentlich das Problem? Der Staat förderte solche Büchereien und weil es zwar der Fall sei, dass man eine kleine Gebühr zum Benutzen der Bücherei bezahlen müsste, ist diese doch viel kleiner, als das, was man ansonsten bezahlen müsste. Da hätten Sie Recht. Die richtige Formulierung dieses Problems liegt jedoch etwas tiefer. Wie so oft bei solchen wichtigen Fragen, man muss eine philosophische Fragen aufwerfen, um das Problem einzuleuchten: Wozu gibt es überhaupt Stadtbüchereien?

Die Antwort warum es Stadtbüchereien gibt, die meiner Meinung nach am nächsten die Wahrheit trifft, ist, um das Wissensrecht beziehungsweise Kulturrecht der Bürger, einen nötigen Teil eines Mitgliedseiner Demokratie, zu versorgen. Damit diejenigen, die ansonsten keinen Zugang zu solchem Wissen hätten, trotzdem diesen Zugriff erlangen können. Gebühren auf die meist nachgefragten Medien zu erheben, wirkt sich andersrum aus: Ausgerechnet diejenigen, die es sich schon einfach leisten können, Gebühren zu bezahlen, haben schon durch andere Zugangswege die Möglichkeit, dieses Wissen beziehungsweise diesen Teil der Kultur zu bekommen. Im Gegensatz dazu werden diejenigen, die schon Probleme haben, mit Geld auszukommen, schon wieder ausgegrenzt.

In vielen Städten in den USA ist jeder Service der Stadtbücherei kostenlos und man hat vielleicht deswegen einen anderen Umgang damit. Dort begegnet man oft Obdachlosen, die sich da aus unterschiedlichen Gründe aufhalten. Viele mögen die Unterkunft, die denen leider in den USA nicht so selbstverständlich ist wie in Deutschland. Vielleicht noch wichtiger finden sie da einen Ort, in dem sie Zugang zu wichtigen Lebensbestandteilen bekommen, die sie sonst nicht erhalten könnten. Als Beispiel benutzen viele da kostenlos das Internet, den wohl unmittelbarsten Weg zu Wissen, Kultur und Berufschancen. Ohne diesen kostenlosen Zugang würde es ihnen viel schwerer fallen, nicht weiter in Rückstand zu geraten.

Dies alles soll jedoch nicht heißen, alle Gebühren werden zu Unrecht erhoben. Es ist völlig in Ordnung, eine Geldstrafe bezahlen zu müssen, wenn das Rückgabedatum nicht eingehalten ist. Mit dem Recht kommen oft Verantwortlichkeit und Pflicht dazu. Aber etwas bezahlen zu müssen, um bloß den Service der Stadtbücherei benutzen zu dürfen, dient als Gegenwirkung des Ziels der Institution und der Demokratie. Denn diese verspricht Gleichheit und Gerechtigkeit, welche die Gebühren einem entziehen.

Devon Fritz